Feature 2 Minuten 15 Juni 2022

Auf ein Wort... mit einem MICHELIN Inspektor

Sie bilden die unbekannte Seite des Guide MICHELIN: Die Inspektorinnen und Inspektoren des Restaurantführers sind täglich in der ganzen Welt unterwegs, um die besten Restaurants aufzuspüren. Ein französischer Inspektor deutscher Nationalität erzählt über seinen ungewöhnlichen Beruf...

MICHELIN Inspektor Guide MICHELIN Inspektor


Wie sind Sie Inspektor geworden?
Wie alle meine Kollegen habe ich meine berufliche Laufbahn zunächst in Hotellerie und Gastronomie begonnen, genauer gesagt im Bereich Service. Da ich während meiner Ausbildung in zahlreichen Sternehäusern gearbeitet hatte, interessierte ich mich zwangsläufig für den Guide MICHELIN. Und sehr schnell hatte ich Lust, die Seite zu wechseln. Ich schickte eine Initiativbewerbung ab und nach einem umfassenden Einstellungsverfahren kam ich im Alter von 30 Jahren zu Michelin.


War die Tätigkeit als Inspektor beim Guide MICHELIN für Sie ein Traumberuf?
Ja, absolut! Bereits während meiner ersten Ausbildungsjahre in einem 2-Sterne-Restaurant habe ich mir gesagt, dass ich eines Tages Inspektor werden möchte: Der Guide MICHELIN war für mich legendär. Und da sich der Guide schon während meiner Ausbildung stark international ausgerichtet hatte, wusste ich, dass dieser Beruf mein Interesse für Entdeckungen und Reisen mit meiner Leidenschaft für das Kochen in Einklang bringen könnte. Nicht nur eine Region, sondern mehrere Länder der Welt als berufliches Aufgabengebiet zu haben, fand ich aufregend.


Stimmt es, dass Sie nur in Sternerestaurants essen?
Da muss ich Sie leider enttäuschen: nein, keineswegs... Es gibt weniger als dreißig 3-Sterne-Restaurants in Frankreich, und wir verbringen unsere Tage nicht damit, nur diese Adressen zu besuchen. Wir essen mittags oder abends in ganz verschiedenen Häusern, vom Dorfgasthof bis zum Restaurant in luxuriösen Hotels, und suchen nach den besten Adressen in jeder Preis- und Qualitätskategorie. Überall kann man positiv überrascht werden, und um eine ausgezeichnete Adresse ausfindig zu machen, muss man auch in weniger guten Restaurants einkehren. Dennoch gebe ich zu, dass es mir Tag für Tag Freude bereitet, neue Adressen auszuprobieren und diejenigen, die bereits in der Auswahl sind, neu zu bewerten.


Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Er besteht aus zwei Mahlzeiten – mittags und abends –, über die immer ein Bericht verfasst wird. Wir führen auch viele Recherchen vor Ort durch, denn zu unserer Arbeit gehört auch die aktive Beobachtung der kulinarischen Szene und die Prospektion. Wenn wir im Büro sind, tauschen wir uns in einer Nachbesprechung mit den anderen Inspektoren und den Redaktionsteams über die Erfahrungen der Tourneen aus und bereiten uns auf die kommenden Reisen vor. Ich persönlich recherchiere viel in den sozialen Netzwerken, um neue Adressen ausfindig zu machen und mich auf meine Tournee vorzubereiten.

“Die richtige Adresse zum richtigen Zeitpunkt zu finden... Das macht diese Aufgabe so spannend”



Ist der Beruf nicht sehr einsam?
Die Wochen auf Tournee sind in der Tat oft einsam. Wenn ich in Frankreich unterwegs bin oder ins Ausland reise, sitze ich allein im Auto. Auch beim Restaurantbesuch bin ich in der Regel allein. Aber manchmal kommt es vor, dass wir uns mit anderen Inspektoren treffen, um gemeinsam zu essen und über unsere Eindrücke zu sprechen. Als Inspektor ist man zwar meistens allein, aber nie isoliert! Die Entscheidungen für die Auswahl der im Guide erscheinenden Adressen wird in Abstimmung mit den Kollegen getroffen. D. h. unsere Arbeit besteht zu einem großen Teil aus dem Austausch zwischen Kollegen. Man könnte sagen, dass unsere individuellen Kompetenzen in den Dienst eines gemeinsam erbrachten Werks gestellt werden.


Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am meisten?

Inspektoren kommen täglich mit den Berufen des Hotel- und Gaststättengewerbes in Berührung, Berufe mit Leidenschaft, in denen wir vor dem Wechsel zum Guide MICHELIN tätig waren. Außerdem bin ich gerne auf Reisen, jeder Tag ist spannend, Routine gibt es nicht. Außerdem schätze ich die menschliche Seite des Berufs: Wir suchen nach talentierten Köchinnen und Köchen, die ihren Beruf durchweg mit großer Leidenschaft ausüben. Es gibt keine größere Freude für einen Inspektor, als die richtige Adresse zum richtigen Zeitpunkt zu finden... Das macht diese Aufgabe so spannend.

Und letztlich habe ich bis heute große Freude am Essen! Ich bin mir bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich die Speisen der unterschiedlichsten Restaurants probieren darf. Und auch wenn dieser Beruf familiäre und persönliche Opfer verlangt, ist es ein Beruf aus Leidenschaft, der es mir ermöglicht, meine Erfahrung im Hotel- und Gaststättengewerbe, meinen Entdeckungsdrang und die Freude an gutem Essen miteinander zu verbinden.


Bringen Sie von Ihren Tourneen Souvenirs mit nach Hause?
Selbstverständlich. Ich sage immer, dass mein Kofferraum mein zweiter Kühlschrank ist. Ich bringe gerne Spezialitäten aus den Regionen, in die ich bereise, mit. Die Begegnung mit kleinen Erzeugern, Winzern, Süßwarenherstellern oder leidenschaftlichen Käsern ist eine gute Gelegenheit, mein Auto mit kulinarischen Souvenirs zu füllen...

Feature