Das Département Gard, eine idyllische, blattförmige Region in Okzitanien südöstlich von Lyon, eingebettet zwischen Rhône, Mittelmeer und dem Nationalpark Cevennen, entwickelt sich zunehmend zu einem der spannendsten kulinarischen Reiseziele Südfrankreichs. Junge Küchenchefs zieht es wegen der außergewöhnlichen regionalen Produkte, der lebendigen Genusskultur das ganze Jahr über und einer Lebensqualität hierher, die bis heute deutlich ländlich geprägt ist.
Die Renaissance-Stadt Uzès verkörpert diesen besonderen Reiz auf ideale Weise. Bereits die britische Köchin und Autorin Elizabeth David schwärmte von dem Ort. Bei ihrem Besuch im Jahr 1984 schrieb sie: „Ich genieße es hier ungemein – still und unaufgeregt. Köstliches Gemüse, wunderbare Käsesorten, viele davon unbekannt, und Eier aus Freilandhaltung.“
Die Wiederentdeckung des Gard als Genussdestination
Vor einem Jahrhundert befand sich das Gard nach dem Zusammenbruch seiner Seidenindustrie in den 1890er-Jahren in einem stetigen Niedergang. Dörfer verloren ihre Bewohner, wirtschaftliche Strukturen zerfielen. Manche Landwirte ersetzten die Maulbeerbäume – einst zur Ernährung der Seidenraupen angebaut – durch Weinreben. Heute entstehen in der Region hervorragende Weine zu bemerkenswert fairen Preisen. Viele junge Menschen jedoch verließen damals ihre Heimat in Richtung Lyon, Marseille, Paris und darüber hinaus, auf der Suche nach beruflichen Perspektiven und sozialem Aufstieg.
Heute erlebt diese noch immer idyllisch-ländliche Ecke Okzitaniens mit dem schönen Nîmes als Hauptstadt eine Renaissance – Teil einer größeren Wiederbelebung des ländlichen Frankreichs.
„Was ich am Gard liebe, ist die Möglichkeit, auf dem Land zu leben, ganz in der Nähe vieler meiner Produzenten, ohne dabei abgeschieden zu sein. Dank Internet, TGV und sozialer Medien leben wir heute alle in derselben Welt. Ich glaube daher, dass ich als Koch hier persönlich wie beruflich ein deutlich besseres Leben habe, als wenn ich in einer Großstadt wohnen würde“, erklärt Denis Martin, dessen Hotel-Restaurant La Belle Vie in Saint-Hilaire-d’Ozilhan im MICHELIN Guide Frankreich 2026 mit einem MICHELIN Stern ausgezeichnet wurde.
Tatsächlich haben sich viele der jungen Küchenchefs, die das Gard heute zu einer neuen gastronomischen Destination machen, aus genau denselben Gründen bewusst dafür entschieden, hier zu leben und zu arbeiten.
Ein kulinarischer Hotspot mit historischen Wurzeln
Über viele Jahre wurde die gastronomische Landschaft des Gard von zwei herausragenden Küchenchefs geprägt: Jérôme Nutile und Michel Kayser, ausgezeichnet mit einem beziehungsweise zwei MICHELIN Sternen.
Der aus Alès stammende Jérôme Nutile arbeitete zunächst für Georges Blanc in Vonnas, bevor er Küchenchef der Hostellerie Le Castellas in Collias wurde. Dort erhielt er 2006 seinen ersten MICHELIN Stern, 2009 den zweiten und wurde 2011 zum Maître Ouvrier de France ernannt. 2014 eröffnete er schließlich sein eigenes Hotel, Restaurant und Bistro in Nîmes.
Michel Kayser wiederum, gebürtig aus Bitche im Département Moselle, übernahm 1984 das Restaurant von Pierre Alexandre in Garons bei Nîmes. Für seine elegante, regional geprägte mediterrane Küche hält er dort seit 2007 zwei MICHELIN Sterne.
Beide Küchenchefs übernahmen zahlreiche Elemente der Nouvelle Cuisine: kürzere Garzeiten, Jus und Extraktionen anstelle schwerer Sahnesaucen sowie konsequent saisonale und regionale Produkte. Gleichzeitig verliehen sie dem ursprünglich eher urban geprägten Stil eine deutlich mediterranere Handschrift – etwa durch die Verwendung von Olivenöl statt Butter oder durch die frische Säure von Tomaten und Zitrusfrüchten, ergänzt um Umami-Noten von gesalzenem und konserviertem Fisch wie Sardellen oder Stockfisch.
Das kulinarische Erwachen des Gard
Die Ankunft von Pierre Gagnaire im Jahr 2020 als beratender Küchenchef des Duende – dem Gourmetrestaurant des kürzlich renovierten Maison Albar L’Imperator – wirkte wie ein Weckruf für die bis dahin eher ruhige Gastronomieszene des Gard. Plötzlich wurde deutlich, dass die Region durchaus ein Publikum für mutige, avantgardistische Haute Cuisine besitzt. Bereits 2021 erhielt das Duende seinen ersten MICHELIN Stern, 2022 folgte der zweite.
Mit dem Duende kehrte auch Julien Caligo 2019 aus Paris in seine Heimatregion zurück, um die Küchenleitung zu übernehmen. Wenig später entschied er sich, mit der Eröffnung des Monique im charmanten Dorf Calvisson seinen eigenen Weg zu gehen.
Dort verwandelte er ein altes landwirtschaftliches Steingebäude in einen markanten, modern reduzierten Speisesaal mit hellen Holzvertäfelungen. Mit Gerichten wie einer Vorspeise aus feiner Rotbarbenmousse zwischen geröstetem Brot auf einem Bett aus dicken Bohnen, Erbsen und Spargel oder einem Hauptgang aus gebratenem Lamm mit Pflaumenpaste und jungem Gemüse gewann Caligo rasch eine treue Stammkundschaft. 2025 wurde er mit seinem ersten MICHELIN Stern ausgezeichnet.
Eine Region mit neuen MICHELIN Sternen
Der erste MICHELIN Stern für Julien Caligo folgte auf drei weitere Auszeichnungen, die 2024 an Küchenchefs aus dem Gard vergeben wurden.
Matthieu Hervé, der das Le Cèdre de Montcaud im reizvollen Château de Montcaud führt – einer eleganten neoklassizistischen Villa aus dem 19. Jahrhundert in Sabran –, kocht für ein internationales, anspruchsvolles Publikum. Serviert werden dort Gerichte wie Blaukrabbe mit Langoustinen-Consommé in Gelee, Petersfisch mit Romesco-Sauce oder mit Gewürzen eingeriebenes Lamm aus den nahegelegenen Alpilles in der Provence, begleitet von Zucchini-Gnocchi und geräucherter Aubergine.
Unweit von Alès haben Sébastien Rath und seine Frau Gwladys das mit einem MICHELIN Stern ausgezeichnete Le Saint-Hilaire geschaffen – ein charmantes Restaurant, das das Terroir des Gard in den Mittelpunkt stellt. Auf den preislich attraktiven Menüs finden sich unter anderem Seeteufel aus Le Grau-du-Roi, dem lebhaften Fischerhafen an der kurzen Mittelmeerküste der Region, Kalbfleisch aus dem Aveyron sowie regionale Früchte und Gemüse.
Im eleganten Le Prieuré, dem Gourmetrestaurant des Le Prieuré Baumanière, gelang es dem jungen Küchenchef Christophe Chaviola, den verlorenen MICHELIN Stern des Hauses bereits sechs Monate nach seiner Übernahme der Küche zurückzuerobern. Das Hotel-Restaurant befindet sich in einem ehemaligen Kloster in Villeneuve-lès-Avignon. Seine helle, kraftvolle und zugleich ausdrucksstarke Küche schöpft Inspiration aus der traditionellen südfranzösischen Küche – etwa mit gebratener Taube mit Austern aus der Camargue oder Langoustinen mit Rhabarber und schwarzem Bigorre-Schwein. Besonders an warmen Sommerabenden ist ein Essen unter der Pergola auf der Terrasse ein Genuss.
Versteckt im charmanten Winzerdorf Saint-Hilaire-d’Ozilhan nahe dem Pont du Gard – jener berühmten römischen Aquäduktbrücke aus dem 1. Jahrhundert, die einst Nîmes mit Wasser aus einer Quelle bei Uzès versorgte – liegt La Belle Vie, eine wunderbare Entdeckung sowohl als Urlaubsziel als auch für einen Zwischenstopp zum Mittag- oder Abendessen.
Das intime Steinhotel mit sieben Zimmern empfängt Sie in herzlicher Atmosphäre und zu fairen Preisen. Zwei Swimmingpools in liebevoll gepflegten Gärten sorgen zusätzlich für Entspannung.
Küchenchef und Inhaber Denis Martin, zuvor im inzwischen geschlossenen The Marcel tätig, ist ein ambitionierter Koch mit ausgeprägter technischer Präzision, umfassender Kenntnis südfranzösischer Produkte – er stammt aus Villeneuve-lès-Avignon – und bemerkenswerter geschmacklicher Kreativität. Besonders deutlich wird dies in Gerichten wie gemischten Schalentieren mit Salatcreme und Olivenöl, gedämpftem Petersfisch mit Zucchiniblüte und Basilikum oder saftigem Lammbraten mit in Weißwein geschmorten Artischocken, gewürzt mit Za’atar.
Die neuen erschwinglichen Restaurants im Gard
Das Tribu, ausgezeichnet mit dem Bib Gourmand im MICHELIN Guide Frankreich 2026, ist ein perfektes Beispiel für jene stilvollen und zugleich entspannten ländlichen Restaurants, die derzeit im Gard florieren. Küchenchef Mathieu Desmarest und seine Frau Emilie beschrieben die Auszeichnung als „eine Anerkennung unserer Werte – großzügige Küche mit hochwertigen Produkten zu fairen Preisen“.
Der freundliche Speisesaal mit Raffialampen, braunen Sitzbänken sowie Flohmarktfunden, Zeichnungen und Gemälden an den Wänden hat sich rasch zu einem beliebten Treffpunkt für Winzer und kreative Selbstständige entwickelt. Gerade deren zunehmender Zuzug verleiht dem einst eher verschlafenen Gard heute eine neue künstlerische Dynamik.
Die bewusst kompakt gehaltene Speisekarte wechselt regelmäßig und konzentriert sich auf verführerische Wohlfühlküche: etwa Arancini mit wildem Knoblauch und Pecorino, Hummus mit Za’atar, Entenbrust in Rotweinsauce mit Satay oder Endiviensalat mit knusprigem Knoblauch und Parmesan.
Auch Jérôme Nutile erhielt in diesem Jahr den Bib Gourmand für sein Le Bistr’AU - Le Mas de Boudan. Das Restaurant befindet sich in einem alten Bauernhaus und war 2014 das erste Projekt Nutiles in Nîmes. Heute beherbergt das Anwesen zudem sein intimes Vier-Sterne-Hotel sowie das Restaurant mit zwei MICHELIN Sternen.
Mit seiner einladenden Terrasse für Sommerabende bietet das Bistro saisonale Gerichte mit ausgezeichnetem Preis-Leistungs-Verhältnis, darunter Blanquette vom Lamm mit Morcheln, Spargel mit Walnüssen oder Hummerrisotto mit Trüffel und Yuzu.
Mit seiner wachsenden Zahl talentierter junger Küchenchefs, die kreative und zugleich erschwingliche Küche bieten, zählt das Gard derzeit zu den genussvollsten Reisezielen Frankreichs.
Weitere Artikel
- Die 10 besten Gerichte, die die Inspektoren des MICHELIN Guide im vergangenen Jahr in Frankreich gegessen haben — Von bemerkenswerten Kreationen in Restaurants mit einem, zwei und drei MICHELIN Sternen in Paris bis hin zu herausragenden Gerichten in ganz Frankreich: Entdecken Sie zehn der eindrucksvollsten Gerichte, die unser Team im vergangenen Jahr verkostet hat.
- 5 Reiseziele für die perfekte Auszeit auf dem englischen Land — Tauschen Sie die Stadt gegen frische Landluft, ausgezeichnete Küche, Natursteincottages und historische Herrenhäuser – vom Lake District bis zu den Cotswolds. Entdecken Sie unsere Auswahl.
- Restaurants des MICHELIN Guide an den ungewöhnlichsten Orten der Welt — In diesen außergewöhnlichen Restaurants des MICHELIN Guide ist die Kulisse ebenso bemerkenswert wie die Küche. Vom Meeresgrund bis hoch hinauf in den Eiffelturm: Entdecken Sie 13 der überraschendsten Genussdestinationen weltweit.
Titelbild: Im Gard spiegeln Dörfer und umliegende Landschaften eine Region wider, die von ihren Produkten und einer sich stetig entwickelnden Genusskultur geprägt ist – und damit immer mehr Küchenchefs anzieht. © La Belle Vie